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Der Lebensbericht des Johann August Engelhardt

   Peter Wanner

Veröffentlicht in: Berwangen, Bockschaft, Kirchardt. Ein 2. Heimatbuch. Bearb. v. Peter Wanner et al. Kirchardt 1993, S. 66-68

Der Leser wird es mir verzeihen, wenn in meinem Auszug aus meiner 16jährigen Reisegeschichte etwas vorkommt, das ihm nicht nach seinem Geschmack ins Ohr klingt. Man kann von einem Bauern, der keine andre Juri gelernt hat als Ackern und Fahren, nicht mehr verlangen als das, was die Geschäfte mitbringen.

Mit diesen Sätzen beginnt der Lebensbericht des Johann August Engelhardt, Sohn eines Metzgers aus Berwangen. Der Bericht ist im Jahr 1846 verfaßt worden und kam im Verlauf der Vorarbeiten zum vorliegenden Buch ans Licht.*

Aber diese einleitenden Sätze bieten ein falsches Bild; es schreibt hier kein Bauer, der nichts gelernt hat als Ackern und Fahren, sondern ein weitgereister und schließlich weltgewandter Mann, der nach manchen Abenteuern nach heutigen Begriffen als Millionär nach Berwangen zurückgekehrt ist.

Der erste Teil des Berichts: Johann August Engelhardt auf Weltreise

Ich bin geboren den 3ten April 1771; mein Vater hieß Augustin Engelhardt, wo ich bei der Taufe denselben Namen erhielt. Ich lernte bei meinem Vater das Metzgerhandwerk und verließ meine Heimat im Jahre 1789.

Es hat schon Symbolcharakter, daß Engelhardt im Jahr der Französischen Revolution seine Heimat verläßt. Aber das ritterschaftliche Dorf Berwangen ist nicht nur ihm zu eng geworden, und so folgt er seinem Bruder nach London - in die damals größte Stadt der Welt.

Es ist der Beginn einer abenteuerlichen Reise: Engelhardt verdingt sich als Seemann und befährt mit einem Kaufmannsschiff die Weltmeere; nach seiner Rückkehr nach England wird er zum Dienst in der königlichen Kriegsmarine gezwungen - England führt zusammen mit den anderen europäischen Monarchien Krieg gegen das revolutionäre Frankreich.

Engelhardt desertiert, als sein Schiff vor Kopenhagen liegt, durchwandert mitten im Winter zu Fuß die Insel Seeland und heuert in Hamburg erneut auf einem Kauffahrer an. 1796 kommt er schließlich nach Westindien und beschließt, sein Glück an Land zu suchen.

Der zweite Teil des Berichts: Johann August Engelhardt in den Kolonien

Zuerst eröffnet Johann August Engelhardt eine Metzgerei, tritt dann aber in den Dienst des Besitzers einer Kaffeeplantage; er arbeitet sich zum Verwalter hoch, baut Kaffee auch in eigener Verantwortung an und erwirtschaftet sich auf diese Weise ein Vermögen - zum Behuf dieser Arbeit hatte ich 380 Mohren, berichtet er nicht ohne Stolz.

Der Reichtum der damaligen Kolonien war in den Augen der Europäer noch fast unermeßlich, und Engelhardt macht kaum vorstellbare Gewinne: Meinen Nebenverdienst konnte ich des Jahres rechnen zu 9000 fl. durch meine Mohren schreibt er etwa 1805 - dieser "Nebenverdienst" entspricht damals in Engelhardts Heimat dem Marktwert für mehr als 20.000 kg Schweinefleisch, nach heutigen Preisen also weit mehr als 200.000 DM!

Ich hatte 10 eigene Sklaven, worunter ein Frauenzimmer, die mir des Jahres 7000 fl. eintrug; sie lieferte Medikamente - selbst wenn Engelhardt in der Rückschau bei diesen Angaben weit übertreiben sollte, steht doch fest, daß er im Jahr 1807 als schwerreicher Mann in sein Heimatdorf zurückkehrt.

Der dritte Teil des Berichts: Johann August Engelhardt nach seiner Rückkehr nach Berwangen

Als ob er das alte Wort vom Geld, das nicht glücklich macht, illustrieren wollte: seine Heimkehr nach Berwangen ist der Beginn einer langen Leidenszeit.

Die Berwangener neiden Johann August Engelhardt seinen Wohlstand, der ihn in der schweren Zeit der napoleonischen Kriege weit über seine Mitbürger hinaushebt. Dabei versucht Engelhardt, ein dem Dorf angepaßtes Leben zu führen: er heiratet die Tochter des Schulmeisters und hat Kinder.

Johann August Engelhardt versucht auch, seine Erfahrungen aus dem Kaffeeanbau in Berwangen einzubringen und investiert unter anderem in die Anpflanzung hochwertiger Obstbäume. Aber es zeigte sich hie und da der Mißvergunst und Verleumdung. Die Ruinierung an Gütern und Bäumen war fast nicht auszusprechen. Wo man mir nur Schaden thun konnte, das geschah, mit Kummer und Schmerz mußte ich manchen Acker oder Bäume ansehen, wie es ruinirt ist.

1809 wird Engelhardt mit seiner Familie in seinem Haus gar von einer Räuberbande überfallen und gefoltert - er soll sein Geldversteck preisgeben. Ihre Hilferufe werden nicht gehört; erst nach Abzug der Räuber kommen die Nachbarn hinzu und befreien die Überfallenen.

Auch seine Kinder bereiten Engelhardt Schwierigkeiten - noch zu seinen Lebzeiten gibt es immer wieder Streit um die künftige Erbschaft, zumal Engelhardt nach dem Tod seiner ersten Frau noch einmal geheiratet hatte.

Er war schließlich schon 72 Jahre alt, als sein gesamtes Anwesen in Berwangen ein Raub der Flammen wurde - auch hier kam niemand zu Hilfe, es wurde kein Kübel Wasser zur Löschung beigeschafft. (...) Als beinahe alles verzehrt war vom Feuer, da wurde der Überrest der Plünderung übergeben. Man konnte keinen Menschen finden, der Mitleid hatte. Der eine da, der andre dort rief aus: "Laßt den Teufel brennen, der kann's wieder bauen!"

Bilanz eines Lebens

Es kam mir unter wilden Fremden nicht vor, was mir hier im Ort schon vorgekommen ist; ich freue mich des Trostes, daß ich meiner alten Mutter hab dienen können, wer dient uns Eltern einst darum?

Am Ende zieht Johann August Engelhardt Bilanz; er fühlt sich von seinen Mitbürgern und von seinen eigenen Kindern mißverstanden und verlassen und gesteht sein Scheitern ein, ohne Rechenschaft über die Gründe abzulegen.

Nur zwischen den Zeilen kann der Leser erahnen, daß auch Engelhardt selbst nicht unbedingt von freundlichem Charakter war. Immer wieder gerät er in Streit mit anderen und schafft dabei durch harte Worte unüberwindliche Hürden; er ist seinen Kindern ein sehr harter und vielleicht manchmal auch ungerechter Vater.

Seinen Reichtum rechnet er sich als eigenes Verdienst an; in Berwangen findet er nichts dabei, Kapital gegen Zinsen auszuleihen, was ihn nicht beliebt macht bei den armen Berwangener Bauern.

Doch gerade dabei ist nicht zu vergessen, woher dieser Reichtum stammt: aus der heutigen Dritten Welt, dem Armenhaus der Erde, das vor zweihundert Jahren mit Sklavenarbeit und Ausbeutung seiner Rohstoffe dafür sorgte, daß das alte Europa den Weg in die Industriegesellschaft und damit zum fast paradisischen Wohlstand unserer Tage finden konnte.


Anmerkungen:

* Das handschriftliche Manuskript stammt aus dem Nachlaß von Friedrich Gebhardt und wurde freundlicherweise zur Bearbeitung überlassen; eine Veröffentlichung des gesamten umfangreichen Lebensberichts muß einem späteren Zeitpunkt vorbehalten bleiben.

(c) 2003  Peter Wanner M.A.